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III. Natürliche Mantik d) Nekromantie
Eine schon früh, besonders im Orient (Gilgameschepos) verbreitete Form der Inspirationsmantik stellt die Einholung des Totenorakels (nekromanteía, nekyomanteía; oft durch einen psychagogós) dar; vgl.[2], 2,362f. Bei den Römern war die Nekromantie beliebter als bei den Griechen; sie hielt sich bis ins MA. Von den Totenseelen besitzen vor allem die mit Gewalt aus ihrer Leiblichkeit befreiten (biaiothánatoi) Zukunftwissen. Daher legt man sich an Gräbern oder am Eingang zur Unterwelt (z.B. am Tainaron, Averner See) nieder, um nach Vollzug entsprechender Riten (Hom. Od. 10,517f.) von den Toten Aufschluss über eine Frage zu erhalten. Beispiele sind Hom. Od. 11. Hdt. 5,92,2. Verg. Aen. 6. Nach [2], 2,332f. lässt sich ein rein griechischer Typ der Nekromantie von einem orientalischen Mischtyp unterscheiden. Griechische sind Totenopfer aus Wein, Milch, Honig und Blut; orientalisch ist der Gebrauch von Sympathiepuppen (Heliodor 6,14f.), besonders aber von Leichen oder Leichenteilen (der sogenannten ousía); dazu kommen oft Drohungen gegen den nekydaímon. In der orientalischen Form der Nekromantie geht der Befragung offensichtlich eine Totenerweckung voraus, während in der griechischen Form der zu Befragende selbst erscheint. In der römischen Literatur findet sich das Motiv der Nekromantie häufig in der pathetischen orientalischen Form: Tibull 1,2,147. Properz 4,1,106. Ovid met. 7,200 und öfters Lucan. 6,590f. Sen. Oed. 530f. Dagegen stellt Sil. 13,372f. eine Beschwörung nach griechischem Muster dar.
Die Haltung der Philosophen zur Nekromantie ist unterschiedlich: Plat. leg. 909 B zählt sie zu den schwersten Verbrechen; Cic. div. 1,132 lehnt sie ab; Varro dagegen scheint an die Nekromantie geglaubt zu haben. Porph. de abst. 2,47 und Iambl. de vita Pythagorica 139 erkennen sie an. Der Kaiser Konstantin trat der Nekromantie entschieden entgegen; das hinderte die Christen nicht den Namen des künftigen Herrschers durch Totenbefragung zu erforschen.
Thursday
Mantik / Mantis
Mantik (mantiké, divinatio), Mantis (mántis, vates, augur), etymolologisch wohl mit maínesthai verwandt, bedeutet ursprünglich das geistig Erregtsein, die durch aussernatürliche Kräfte hervorgerufene Begeisterung (vgl. Eur. Bacch. 299f. Plat. Phaidr. 244 C).
I. Eingrenzung
II. Grundlagen
III. Natürliche Mantik:
a) Ekstase
b) Traum
c) Orakel
d) Nekromantie
IV. Künstliche Mantik:
a) Beobachtung lebloser Stoffe
b) Mechanische Mittel
c) Deutung von Prodigien
d) Auslegung von Opfervorgängen
V. Historische Wertung
I. Eingrenzung
In der Mantik versucht der in seinem Wissen beschränkte Mensch in ausserrationaler Weise an der Allwissenheit Gottes teilzunehmen, um Kenntnis der zukünftigen Ereignisse und Weisung für sein Handeln zu
II. Grundlagen
Grundlage aller Mantik ist der Glaube an die Möglichkeit einer Verbindung zwischen Mensch und Gott. Dem homerischen Menschen treten die Götter unmittelbar in Träumen oder durch Prodigien entgegen; später legt man Wert auf eine philosophische Begründung dieses Religiösen Phenomens; so vor allem in den beiden erhaltenen theoretischen Schriften über antike Mantik: bei Cic. div. und Iambl. de mysteriis B.3. Die Sympathie des Alls ermöglicht durch den so gegebenen harmonischen Zusammenhalt aller seiner Teile die Teilnahme an göttlichem Wissen. Durch diese Vorstellung wird es möglich, dass auch unbelebte Materien Zukunftwissen vermitteln. Solche mit göttlicher Kraft erfüllten Ingredienzen werden in den einzelnen Zweigen der künstlerischen Mantik verwendet. Als Mittler zwischen Göttern und Göttern und Menschen treten auch Dämonen auf. Im Anschluss an Plat. symp. 202 E weisen Platoniker, Stoiker und Pythagoreer die Mantik den Dämonen als eigenen Wirkungsbereich zu; Cic. div. 1,64 plenus aer . . . immortalium animorum, in quibus tamquam insignitae veritatis notae appareant. Auch bei privater Divination werden Dämonen als Vermittler von Zukunftwissen herangezogen; sie können allerdings den Menschen auch täuschen (Iambl. myst. 3,18. 31. 4,7.)
III. Natürliche Mantik a) Ekstase
Die Formen der natürlichen Mantik beruhen alle auf göttliche Inspiration.
a) in der E k s t a s e (theía manía; furor divinus) löst sich der Geist von aller Körperlichkeit und wird von göttlichem Pneuma erfüllt. Daher ist der Mensch in diesem Zustand über alle Formen diskursiven Denkens erhoben und gewinnt Einsicht auch in die Zukunft (Cic. div. 1,113. 129. Iambl. myst. 3,7-7, besonders p. 117,1f. Im Anschluss an Plat. Phaidr. 244C). Solche Besessenheit (katokoché) zeigt sich nach aussen in Schmerzenunempfindlichkeit und Veränderung der Stimme; vor allem spätantike Berichte schildern Lichterscheinungen der Götter bei solcher Ekstase. (Iambl. myst. 3,8. Prokl. in remp. 1, 110,27f. nach der Lehre der sogenannten chaldäischen Orakel). Die Ekstase kann als ursprünglicher Form religiöser Offenbarung jedem Menschen zuteil werden, engt sich aber in späterer Entwicklung auf besonders begnadete Personen (z.B. den Mantis) ein. Die Ägypten scheinen ekstatische Inspirationsmantik nicht gekannt zu haben, auch Homer erwähnt sie nicht, wenngleich Il. 1.86f. 385 praktisch eine Vorform der intuitiven Mantik darstellen: Der Seher kennt die Worte Gottes und spricht sie aus; durch ihn spricht der Gott (Cic. div. 1,66 deus . . . non Cassandra loquitur). Heraklit und Demokrit kennen die ekstatische Mantik. Platon erwähnt sie meist skeptisch (Apol. 22C. Men. 99C.); ausgehend von Plat. ep. 7,340C6 sehen die Neuplatoniker die Ekstase als Erhebung zum Göttlichen, mit der sich dann als Folge auch das Zukunftwissen verbindet.

